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Filmkritik der Woche 28.09.2009 - 04.10.2009
District 9
Vor 20 Jahren erreichte ein Raumschiff die Stadt und thronte ereignislos über einem Bezirk. Als es dem
Militär gelang, sich Zutritt zu verschaffen, fanden sie ein schauriges Szenario vor. Tausende von Außerirdischen,
erinnernd an große Insekten, tummelten sich halbverhungert und verzweifelt an Bord des Schiffes.
Humanitäre Hilfe wurde verlangt, und man siedelte die 'Asylanten' in ein abgeriegeltes Areal um, das sich im Laufe der
Jahre rasch zum Slum entwickelte. Die Wesen leben inmitten von Unrat, Kriminalität und Armut. Sie werden ausgegrenzt;
zahlreiche Schilder, die nicht-menschlichen Wesen den Zutritt verbieten sind in der Stadt aufgestellt. Zwiespalt in
der Bevölkerung hinsichtlich dieses „District 9“ verstärkt sich, der Ruf nach einer Verlegung der Fremden in ein der
Stadt fernes Lager wird zum allgemeinen Konsens.
Der von den Behörden zusammengestellte Zwangsräumungstrupp unter der Führung von Wikus Van De Merwe (gespielt von
Sharlto Copley, der zuvor mit Schauspiel nichts am Hut hatte und dafür eine professionelle Darbietung abgibt) geht
zunehmend brutal und unmenschlich vor, behandelt die Außerirdischen wie Vieh und schießt teilweise einfach um sich.
„Prawns“ (Garnelen) werden sie genannt, und der Begriff wird eingesetzt wie ein rassistisches Schimpfwort. Eine
derart inhumane Aktion kann nicht ohne weiteres ablaufen, und so kommt es zu unvorhergesehenen Komplikationen,
die man leider nicht benennen kann, ohne bedeutsame Teile des Plots vorweg zu nehmen.
Die Entstehungsgeschichte dieses Films liest sich wie ein modernes Hollywoodmärchen. Neill Blomkamp sollte die
Videospiel-Verfilmung "Halo" drehen, die dann allerdings nicht zustande kam. Darauf hin bot ihm sein Mäzen Peter
Jackson ("Der Herr der Ringe") $30 Millionen an, um einen Stoff seiner Wahl zu verfilmen. Blomkamp entschied sich
für die Geschichte, die von seiner Kindheit in Südafrika inspiriert wurde und die er bereits 2005 in seinem Kurzfilm
"Alive in Joburg" verarbeitete. Gekonnt vermischt der Film den pseudo-dokumentarischen Stil mit Spielfilmsequenzen,
wechselt von verwackelter, subjektiver Kameraführung zu ausgeklügeltem Kontinuitätskino und zurück.
Sehr gut gezeichnet werden hier die Angst vor dem Fremden und die Skepsis, die zu Hass und Abwertung führt. Die
Darstellung der Außerirdischen als insektenartige Wesen weist auf die häufige Vertierung und Verdinglichung des
Fremden, die im Zuge einer derart kollektiven rassistischen Entwicklung von Hass entsteht. "District 9" ist ganz
offensichtlich eine Parabel auf Rassismus und Apartheid in Südafrika, spiegelt allerdings auch Situationen auf dem
afrikanischen Kontinent an sich. Das Aufnehmen und Umsiedeln sowie späteres Vernachlässigen von Flüchtlingen ist
ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Kontinents. Eigenschaften von Südafrika werden gekonnt eingefangen,
beispielsweise die synchrone Existenz von Aufgeklärtheit und zivilisatorischem Fortschritt neben Mystik in Form
von "witch doctors" - Meistern der Hexerei. Ebenfalls exemplarisch für die gespannte Situation des Landes ist
die Angestellte im Fast Food Restaurant, die bei Ärger direkt eine Schrotflinte zur Hand hat. An dieser Stelle
geht ein ungläubiges Lachen durch das Publikum, doch ist diese Szene keinesfalls eine belustigende
Überspitzung.
In den letzten Jahren wurden dem Zuschauer nur wenige wirklich gehaltvolle Sci-Fi-Filme präsentiert. "District 9"
kombiniert endlich alle Erfolg versprechenden Mittel: Die Special Effects sind überragend, der Film bietet Action
und Tiefgang zugleich, und erzählt dabei eine packende, emotionale Geschichte. Die Fraternisierung mit dem Fremden
erinnert streckenweise an eine ausgereifte Mischung aus "Enemy Mine – Geliebter Feind" (Regie: Wolfgang Petersen,
1985) und "Flucht in Ketten" ("The Defiant Ones", Stanley Kramer, 1958).
Der Film zeigt, dass man sich erst einmal in die Situation des Anderen versetzen sollte, bevor man es verurteilt. Wikus
Van De Merwe wird hierzu gezwungen und wächst durch diese Situation dennoch nur bedingt, obschon er eine
Charakterentwicklung der besonderen Art durchlaufen muss. Es ist auch irgendwie schön zu sehen, dass Hauptfiguren
nicht grundsätzlich eine hundertprozentige Katharsis durchlaufen, nur weil sie in eine Notlage gezwungen werden.
"District 9" geht trotz aller Science-Fiction-Konventionen äußerst realistisch mit der Beschränktheit des
menschlichen Geistes um, sodass man sich stellenweise für seine eigene Spezies schämen möchte.
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